Aber es muss gesagt sein, — so bitter diese Erkenntnis ist — daß just der Rückschlag das jüdische Volk errettet hat. Die Assimilation wäre in Westeuropa glatt weitergegangen. Sie wäre nach einigen Geschlechtern voraussichtlich vollendet worden, wenn nicht die Gegenwelle des Hasses gekommen wäre.

Der an allen Tischen Europas mittafelnde „Fortschrittsjude“ stand plötzlich vor einer dicken Mauer von Hass. Dieser Hass aber brachte ihn zur Selbstbesinnung. Der Zionismus erstand: der Keim einer Volkserneuerung. Denn wenn bei den frühesten Führern, bei Pinsker und Nordau und selbst noch bei dem herrlichen Theodor Herzl, der Zionismus zunächst nur eine nüchterne Gegenwehr war — aus Trotz, aus Stolz, aus Helferwillen, aus Mitleid oder ganz gleich aus welchen reaktiven Gefühlen — , so konnte es doch bei einem solchen negativen Zionismus nicht lange sein Bewenden haben. Schon die nächste Generation war zionistisch, weil sie jüdisch fühlte; nicht, weil sie sich als Juden verletzt fühlte.

Die Macht ist träge. Das Kapital ist feige. Die Sattgewordenen werden lau.

Wo die Vereine der europäischen Bürger mosaischer Konfession auf dem bequemen Wege der Mitte verharrten, wo Liberalismus, Demokratie, Fortschritt und Freisinn ihre nicht eben den Kopf kostenden Spiele trieben, da sammelte sich die ganze Hochansehnlichkeit der jüdischen Bürgerwelt, der ganze „Kowed“. Da waren die großen Namen und die großen Titel. Die führenden Persönlichkeiten der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft.

Uns Abseitigen aber, die wir es für unvergleichlich heldischer halten, ein ungesicherter Nomade zu sein als ein wurzelfester Bürger Europas, uns sei an diesem zweihundertsten Geburtstage des Mannes, seit dem hebräische Sprache und Schrift, Ritus, Tracht, Volksbrauch, Fest und Mythos der Zerstörung anheimzufallen begannen, einmal eine kurze Phantasie gestattet, welche aber doch immerhin im Bereiche des Möglichen zu bleiben scheint, wenn wir auf das Schicksal eines andern, von der „christlichen Kultur“ nicht minder bedrohten Volkes blicken, des indischen: auf jene „Non-Cooperation-Bewegung“, die seit 1900 in dem von England vergewaltigten Indien entfesselt wurde.

Nehmen wir einmal an, auch die Juden hätten eine „Non-Cooperation-Bewegung“ entfesselt. Sie hätten um 1750, als der gelbe Fleck am Gewande, der Druck der Judengesetze und die Kammerknechtschaft erlassen und die bürgerliche Emanzipation an ihnen vollzogen werden sollte, folgendermaßen geantwortet: „Wir haben durch zwei Jahrtausende für den Messias gelebt, der, wie es verheißen ward, uns in die Heimat zurückführen wird. Nun bietet eure Güte und Freundschaft uns das schöne Europa und das große Amerika zum Vaterland. Aber ihr fordert, daß wir unsre geschichtliche Überlieferung abbrechen, um in die Überlieferung und Geschichte der großen abendländischen Nationen hineinzuwachsen. Das können wir nicht! Nie haben wir von euch gefordert, daß ihr zu uns übertretet. Nie haben wir Sendboten unter die Völker gesandt, sind nie eroberungssüchtig gewesen. Wir wollen ruhig unsre Schläfenlocken und den gelben Fleck weitertragen. Wir bewahren auch unsre hebräische Sprache und die hebräischen Namen. Wir lehnen es ab, eure Feste und Gedenktage mitzumachen, deren jeder uns nur an eine erlittene Marter erinnern kann. Wir lassen euch gern eure Bilder und Götter! Aber ihr sollt uns auch das Unsere lassen. Wir sind verschieden und müssen verschieden bleiben. Nicht wir, ihr allein habt der Welt es verkündet: Gott sei ein Mensch geworden. Wir folgten nie dieser Botschaft von der Vermenschlichung Gottes. Denn unser Gott lebt jenseits von Form und Name und wahrlich auch jenseits von Mensch und all dem Greuel der menschlichen Weltgeschichte. Verachtet uns. Aber wir lehnen es ab, eure Wohltaten anzunehmen. Eure Ämter und Schulen, Titel und Mittel. Wir wollen nicht teilhaben an euren Wissenschaften und Künsten. Wir tragen Galuth und Ghetto weiter, freiwillig, und erwarten aus Bethlehem den Messias.“

Wäre es möglich gewesen, so zu antworten?

Es war möglich damals, als ein Wort des Rambam, eine Strophe Halevis, ein Brief des Raschi noch die Welt des Juden war, als das Volk in der Verbannung von seinen Weisen gelenkt wurde.

Man pflegt überall zu preisen, was der Jude durch seinen Eintritt in die europäische Kultur und was Europa durch die Juden gewonnen habe. Aber man sieht es nicht oder man sagt es nur leise, um welchen Preis die Juden zu Europas Bürgern geworden sind: Durch den Verrat an den Gesichten ihrer Hoffnung. Durch das Opfer ihrer zeitlosen Träume. Heute wird das Volk nicht mehr von frommen Weisen gelenkt, sondern von Rechtsanwälten und Großbankiers organisiert.

Die modernen, freigesinnten, liberalen, fortschrittlichen, hochkultivierten Juden tun sich viel darauf zu gute, daß im letzten Jahrhundert auch Juden Staatskanzler, Minister, Generäle, hohe Offiziere, große Forscher Professoren, Autoritäten, Theaterlenker, Schriftsteller Dichter und ich weiß nicht, was alles, geworden sind Besser aber wäre es: Wir schämten uns der vielen Vermünzer unsres Volkshortes. Denn sie waren vielleicht nur ein phosphoreszierender Glanz des zerfallenden Volksleibs. Sie waren vielleicht nur das Flammenspiel eines kurzen aufleuchtenden europäischen Lichttages, darin unser Adel sich verbrannte.

Schmach allen Söhnen, die es vorziehen, für die Luxuswelt westlicher Weltstädte „sich der Literatur zu widmen“ oder „die akademische Laufbahn einzuschlagen“, statt Steine zu tragen zu der Landstraße nach Jeruschalajim.

 

 

 

 

 

 

Theodor LessingDer Jüdische Selbsthass

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