In einigen Wochen erscheint im dtv Verlag die deutsche Erstausgabe „Undermensch“ von Anatol Chari mit Timothy Braatz.

„Undermensch“ ist der Zeitzeugenbericht eines der wenigen Überlebenden aus dem Ghetto von Lodz: Chari war ein Mitglied des dortigen Sonderkommandos, der jüdischen Polizeitruppe. Der Vorsitzende des Judenrats, ein Freund seines bereits deportierten Vaters, hielt seine Hand schützend über ihm. Diese Umstände sicherten ihm eine ausreichende Ernährung, warme Kleidung, eine eigene Wohnung und legten so die Grundlagen für sein Überleben nach der Deportation in die KZs Auschwitz, Groß-Rosen und zuletzt Bergen-Belsen. Er hatte sehr viel Glück, denn immer wieder gab es Wendungen, die ihm das Leben retteten, oftmals aber auch zu Ungunsten von anderen. Anatol Chari hat sich Zeit seines Lebens damit auseinandergesetzt, warum ausgerechnet er überlebte und andere nicht.

Schonungslos offen und nicht ohne Ironie schildert Anatol Chari sein Überleben durch Glück und Privilegien.

Maxim Biller: Der gebrauchte Jude - Ein Selbstportait Maxim Biller hat ein Buch geschrieben, in der Hauptrolle Maxim Biller. Es geht um Juden, es geht um Sex, es geht um Frankfurter Immobilienspekulanten, alte und weniger alte Freunde, Juden und Juden die gern keine Juden wären.

Charmant und stets bissig erzählt Biller die Geschichte seines Lebens, die Geschichte eines Jungen, der nichts anderes wollte, als einen Roman zu schreiben. Stattdessen rezensiert er russische Wälzer und hört sich dumme Sprüche von „Deutschen“ an, denn jemand wie er war in Deutschland – so ist sich Biller sicher – nicht vorgesehen. Die meisten Juden waren entweder tot, ausgewandert oder standen in den Lexika. Die wenigen die da waren, schienen unsichtbar zu sein.

Selbst vor Reich-Ranicki macht Biller sodann nicht halt, ihn will er für eine Zeitschrift um Mode, Sex und Pop interviewen. Diskutierte mit ihm Jahre später über Literatur, das Judesein und Wagner. Nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, schwenkt von Ranicki zu Broder, Heine, Malamud und kommt dabei sich selbst auf die Spur.

Ein ausgezeichnet fieses, zynisches und tragischkomisches Selbstportait. Read More →

Als die 90jährige Rosa Masur mit ihrem 67jährigen Sohn und Schwiegertochter aus der gerade zerfallenen Sowjetunion als Kontingentflüchtling zu ihrem Enkel in eine süddeutsche Kleinstadt zieht, sind die Erwartungen hoch. Wohlstand, Freiheit, Rechtssicherheit und Kontakte zum ehemaligen Feind und jetzigen Freund sind die Versprechungen der neuen Heimat Deutschland. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus: Bei einem Stadtausflug wird die alte Dame mit Fremdenfeindlichkeit gegenüber einem afrikanischen Studenten konfrontiert.

Der Wohlstand besteht in einer winzigen Wohnung für drei Personen, das Grundsicherungsgeld reicht kaum für den Lebensunterhalt und die Kontakte zu Deutschen beschränken sich wegen der mangelnden Sprachkenntnisse auf unpersönliche Redewendungen. Auch der Enkel, dessentwegen sie auch alle gekommen sind, hat kaum Zeit, denn seine neue deutsche Arbeitsstelle und seine Familie fordern ihn ganz. Da ist es kein Wunder, dass die alte Dame noch einmal über ihr ganzes Leben in Russland nachdenkt. Um ihrem immer kränkelnden Sohn die ersehnte Fahrt nach Südfrankreich ermöglichen zu können, beteiligt sich Rosa an einem Schreibwettbewerb zum Thema der Emigration, den die kleine Stadt zu einem Stadtjubiläum veranstaltet. Durch ihr ganzes Leben ziehen sich die Erfahrungen von Benachteiligung und Verfolgung als Juden. Aus ihrem kleinen Dorf flüchtet sie schon als junge Frau vor den Pogromen der Kosaken. In der Kriegszeit kümmert sie sich um die Evakuierung von Kindern aus dem von den deutschen Truppen eingekesselten Leningrad und erntet auch dafür nur Undank. Als ihr hochbegabter Sohn aufgrund von Quoten für Juden auf keiner Hochschule aufgenommen wird, kämpft sie um seine seelische Gesundheit. Aber trotz aller Schwierigkeiten verliert sie nie den Lebensmut, stets von ihrer liebsten Freundin unterstützt.

In einer lebendigen und realistischen Darstellung versteht es der Autor Vladimir Vertlib, ein langes Leben in die dramatische Geschichte Russlands einzufügen. Kein Geschichtsbuch kann die Ereignisse des 20. Jahrhunderts so spannend und bewegend in ihren Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerung darstellen. Dennoch bleiben Liebe, Freundschaft und Vertrauen in jedem Leben das Fundament für eine gute Zukunft.

Vladimir Vertlib wurde in St. Petersburg geboren und hat sich nach verschiedenen Zwischenstationen in den USA und Israel in Österreich/Salzburg niedergelassen. Er schreibt seine Romane und Erzählungen in deutscher Sprache. Seine Hauptthemen sind Emigration, jüdische Identität, Selbstbewusstsein und die dafür notwendige Aufarbeitung der Geschichte Seine Sprache ist lebendig, realistisch und hat die Qualität der großen Erzähler des 19. und 20. Jahrhunderts. Weitere Titel sind: „Zwischenstationen“ und „Mein erster Mörder“.
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Buchcover von "Eine Geschichte des Traktors auf Ukrainisch"

Als der 84jährige Vater, der vor 5O Jahren aus der Ukraine nach Großbritannien emigriert war, seinen beiden zerstrittenen Töchtern mitteilt, daß er die 34jährige Walentina aus der Ukraine heiraten werde, sind sie schockiert. Deshalb beginnen sie einen Kampf um das Erbe des Vaters, aber auch um seine Befreiung aus einer lächerlichen und peinlichen Lage. Aber der eigensinnige alte Mann, der einst ein genialer Konstrukteur von Traktoren war, erlebt gerade seinen zweiten Frühling.

Diese Geschichte hat ein überraschendes, tragikomisches Ende. Die Autorin erzählt mit solchem Humor und lebendigen Dialogen, daß die Lektüre zum Vergnügen wird. Liebe, Alter, Egoismus, Schuldgefühle und gegenseitiges Verständnis sind die Themen dieses Buches.

Marina Lewycka stammt aus einer ukrainischen Familie und wurde nach Kriegsende in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren. Sie emigrierte mit ihren Eltern nach Großbritannien. Gegenwärtig unterrichtet sie an einer Universität das Fach „Medienwissenschaft“. Ihr erstes Buch wurde ein Bestseller und in 33 Sprachen übersetzt.

K.C.

für die Liberale Jüdische Gemeinde „Perusch“