Über das Thema „Selbsthass“ wird in diesem Buche gesprochen werden. Das ist ganz und gar nicht ein nur jüdisches Thema. Es ist ein Phänomen des gesamten Menschengeschlechtes! Aber dieses allgemein menschliche Phänomen „Selbsthass“ kann an der Psychopathologie der jüdischen Volksgeschichte besonders glänzend beleuchtet werden.

Wer das Phänomen „Selbsthass“ ehrlich ergründen will, der muss tief in die Tiefe steigen. Bis zu jenem Punkte, wo aus einem vormenschlichen Elemente zum ersten Male der Menschheit geistiges Bewusstsein das fragende und klagende Auge aufschlägt.

Wir müssen hinabtauchen in einen Urgrund, wo aus der allverschlungenen All-Einheit, welche weder Ich kennt noch Du, zum ersten Male die große Ich-und-Du-Spaltung hervorblitzt. Hüben ein wissendes Subjekt; drüben die abstellbare Welt von „sachlichen Gegebenheiten“. Das ist keineswegs ein „abnormes“ Phänomen (es sei denn, man betrachtete das ganze Dasein des Geistes als eine Krankheit). Es ist das Wunder des Geistes selbst, welches fügt, daß in der menschlichen Kreatur das Leben sich wider sich selber kehren, lebenspolar und schließlich lebensgehässig werden kann.

Die Blume, der Baum, der Quell, das flutende Wasser blühen fraglos-sicher im Banne des Rhythmus.

Unbekümmert und selig in sich selbst atmet in Ewigkeit alle Natur. Nur im Feurigbewegten, im schweifenden Tier (am deutlichsten im verhäuslichten Tier), den wir schon einige Ansätze zum — Selbsthass.

Eine ungeheure Macht „angegeistigter“ Leidenschaft (die Machtgier, die Rachsucht, das Mitleid, die Reue) sind unterströmt von diesem heimlichen Selbstzerstörerdrange. Von einem geheimen „Erlöserschmerz“, einem wunderlichen Triebe alles begrenzten Lebens, seine Grenze zu vernichten. Schon im Tiere gibt es Zustände der „Selbstqual“, zum mindesten im eingeengten, vermenschlichten und erkrankten Tier. Und bei diesen primitiven Zuständen müssen wir ansetzen, um den Bruch zu verstehen: Die lebenzerklüftende Krankheit, der das älteste der Völker auch als erstes anheimzufallen droht.
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Die Neufassung der Karfreitagsfürbitte des Papstes hat vielfältige Reaktionen ausgelöst. Der Band bildet die kontoversen Positionen zu diesem sensiblen Thema ab und zeigt Zukunftsperspektiven für das katholisch-jüdische Gespräch auf.

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Rabbiner Walter Homolka war Landesrabbiner des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen und ist Mitglied im Exekutivkomitee der Weltunion für progressives Judentum. Er ist Mitherausgeber des Jüdischen Gebetbuches und der Zeitschrift „European Judaism“.