Am 22. Juni 1910, vormittags, fand man den Studenten der Chemie Max Steiner aus Prag in seiner Stube im Norden Berlins auf seinem Bette tot. Er war angetan mit einem neuen Anzuge, den er sich für die Doktorprüfung hatte anfertigen lassen. Seine Vorexamina hatte er hinter sich, wollte noch promovieren und hatte seine Dissertation über Chemie der Riechstoffe bereits eingereicht. Die Berliner Fakultät hatte sie angenommen und hatte den 23. Juni zum Termin für die mündliche Prüfung angesetzt.

Zu seinen Wirtsleuten hatte der Student geäußert, daß er seinem Lehrer, Professor Emil Fischer, dem berühmten Chemiker, die übliche „Examenvisite“ abstatten wolle. Dann hatte er sich für die Visite angekleidet. Aber während des Ankleidens muss ihn plötzlich der Lebensüberdruss gepackt haben.

Er besaß Giftstoffe, mit denen er als Chemiker zu experimentieren gewohnt war. Ehe er das Gift nahm, hatte er einen kurzen Abschiedsbrief an seine Eltern geschrieben.

In dem Briefe bat er sie, zu verzeihen, daß er sein Leben freiwillig ablege. Einen eigentlichen Grund dafür könne er nicht angeben und habe auch keinen. Nie sei er so fröhlich gewesen wie jetzt in der Stunde seines Abscheidens. Er sei auch wegen seiner Prüfung ganz unbesorgt. Das hoffnungslose Leid alles Lebens laste auf ihm, nicht aber die Doktorprüfung. Sein Überdruss am Leben sei seine letzte Erkenntnis. Man möge ihm nun Ruhe gönnen.

Der Verstorbene, am 21. Mai 1884 geboren, war 26 Jahre alt geworden. Zwei merkwürdige Bücher von ihm waren im Verlage von Ernst Hofmann in Berlin erschienen. Sie hatten in Kreisen der Wissenschaft einige Bewegung ausgelöst.

Das erste Buch, 125 Seiten stark, war im Jahre 1905 herausgekommen und führte den Titel: „Die Rückständigkeit des modernen Freidenkertums. Eine kritische Untersuchung“. Das zweite, 244 Seiten starke Werk war im Jahre 1908 erschienen und trägt den Titel: „Die Lehre Darwins in ihren letzten Folgen“.

Es erregte Aufsehen, daß Houston Stuart Chamberlain, der damals meistgelesene Philosoph, an den ihm unbekannten Studenten den folgenden Brief richtete: „Dass selbst die bestgegründete Regel oder wie unser lieber alter Kant gesagt hätte — Maxime — nur durch die richtig angebrachte Ausnahme lebendigen Sinn erhält, merke ich heute, wo ich einem mir gänzlich unbekannten Autor schreibe, um ihm für Belehrung, Anregung, Genuss, ja Befreiung zu danken. Julius Wiesner, der Physiologe, machte mich auf Ihr Werk aufmerksam und trotzdem ich gerade mit Arbeit überhäuft bin, habe ich es gestern in einem Zuge Zeile für Zeile durchgelesen.

Spät erst kam ich ins Bett, denn ich konnte mich von dieser unerwarteten unverhofften Freude nicht trennen. Ginge es nach meinem Wunsche, so sollte das Buch bald in 200.000 Exemplaren verbreitet sein“ 12).

Obwohl also die Begabung des jungen Mannes in wissenschaftlichen Kreisen bekannt geworden war, so wussten doch nur wenige um den Toten. Und ähnlich wie bei dem freien Tode Otto Weiningers, ergingen sich die Zeitungen in unbestimmten Vermutungen über die Gründe seines Abscheidend. Die einen redeten von einer Examenneurose. Angst vor der Doktorprüfung solle den Studenten plötzlich überwältigt haben. Andere wiesen darauf hin, daß er ein einsames Leben geführt habe, abseits und asketisch, und daß er in der letzten Zeit infolge einer Zungenverletzung immer grämlicher geworden war.

Nur wenige Freunde kannten die Wahrheit. Einer dieser Freunde, Kurt Hiller, ordnete den Nachlass. Es fanden sich in ihm Bruchstücke zu einem dritten Werk: „Die Welt der Aufklärung“. Hiller sammelte diese Notizen und gab sie 1912 heraus mit einer Einleitung und mit einem Bilde Steiners aus dem Jahre 1903.

Aus dem Bilde blickt uns ein Jüngling an in starrer Haltung. Er ist steif eingezwängt in einen schwarzen Gehrock mit Seidenaufschlägen, in einen hohen Stehkragen und ein gestärktes Vorhemd. Er hat ein sehr junges Gesicht in eben beginnender männlicher Reifung. Es ist ein blonder kühler Typ. Auffallend wellig und stark das hellblonde Haupthaar. Aquamarinhell leuchten die blauen Augen. Seine Stirn ist so breit wie hoch. Klein und schmal ist die strenge Nase. Und streng auch sind die auffallend schmalen geschlossenen Lippen, darüber der Anflug des eben sprossenden Bärtchens liegt. Breites Kinn, großes Ohr.
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Über das Thema „Selbsthass“ wird in diesem Buche gesprochen werden. Das ist ganz und gar nicht ein nur jüdisches Thema. Es ist ein Phänomen des gesamten Menschengeschlechtes! Aber dieses allgemein menschliche Phänomen „Selbsthass“ kann an der Psychopathologie der jüdischen Volksgeschichte besonders glänzend beleuchtet werden.

Wer das Phänomen „Selbsthass“ ehrlich ergründen will, der muss tief in die Tiefe steigen. Bis zu jenem Punkte, wo aus einem vormenschlichen Elemente zum ersten Male der Menschheit geistiges Bewusstsein das fragende und klagende Auge aufschlägt.

Wir müssen hinabtauchen in einen Urgrund, wo aus der allverschlungenen All-Einheit, welche weder Ich kennt noch Du, zum ersten Male die große Ich-und-Du-Spaltung hervorblitzt. Hüben ein wissendes Subjekt; drüben die abstellbare Welt von „sachlichen Gegebenheiten“. Das ist keineswegs ein „abnormes“ Phänomen (es sei denn, man betrachtete das ganze Dasein des Geistes als eine Krankheit). Es ist das Wunder des Geistes selbst, welches fügt, daß in der menschlichen Kreatur das Leben sich wider sich selber kehren, lebenspolar und schließlich lebensgehässig werden kann.

Die Blume, der Baum, der Quell, das flutende Wasser blühen fraglos-sicher im Banne des Rhythmus.

Unbekümmert und selig in sich selbst atmet in Ewigkeit alle Natur. Nur im Feurigbewegten, im schweifenden Tier (am deutlichsten im verhäuslichten Tier), den wir schon einige Ansätze zum — Selbsthass.

Eine ungeheure Macht „angegeistigter“ Leidenschaft (die Machtgier, die Rachsucht, das Mitleid, die Reue) sind unterströmt von diesem heimlichen Selbstzerstörerdrange. Von einem geheimen „Erlöserschmerz“, einem wunderlichen Triebe alles begrenzten Lebens, seine Grenze zu vernichten. Schon im Tiere gibt es Zustände der „Selbstqual“, zum mindesten im eingeengten, vermenschlichten und erkrankten Tier. Und bei diesen primitiven Zuständen müssen wir ansetzen, um den Bruch zu verstehen: Die lebenzerklüftende Krankheit, der das älteste der Völker auch als erstes anheimzufallen droht.
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Der Klassenkampf setzte ein, als das Industriezeitalter heraufdämmerte. Er wurde der wichtigste aller Kämpfe, als Maschine, Technik, Geldwirtschaft, Industrie die ganze Erde unterjochten. Was bedeuteten jetzt noch die alten Religionszwiste? Auch völkische Unterschiede der Menschen waren nicht mehr so entscheidend, wie die Unterschiede der wirtschaftlichen Klassen und ihre Not.

Karl Marx, der Theoretiker des Klassenkampfes, sah in seinen Glaubens- oder Stammes genossen nichts anderes mehr als „den wurzellos gewordenen Anhang der Kapitalistenklasse und ihrer Geldwirtschaft“. Die sogenannte Emanzipation der Juden bedeutete für Marx nur ihre Verbürgerlichung, und Verbürgerlichung war ihm gleichbedeutend mit „Auslieferung an die kapitalistische Gesellschaft, welche in ferner Zukunft durch die sozialistische Gesellschaftsordnung abgelöst werden soll“. Ein jüdisches Volk im Volkskampfe kannte Marx nicht. Ein solches wäre nur im Osten zu finden gewesen, wo die Juden vorwiegend Handwerker und Arbeiter waren, denn jene Historiker, die die Juden als ein Volk von Wucherern schildern, wissen nicht einmal, daß gerade Zinsnehmen und Wucher durch die mosaische Gesetzgebung verboten und ganz unmöglich waren, bis, vom 13. Jahrhundert ab, das feudale Zeitalter den Juden das Münz- und Finanzwesen schlechtweg aufdrängte.

Im Westen sah also das Auge von Karl Marx nichts als Partei- und Interessenkämpfe. Ein Kommunist wie Moses Heß, der zugleich ein nationaler Jude und ein Zionist war, stand in der Partei des Proletariats und im Kampf wider die bürgerliche Welt ganz einsam.

Mit tausend Freuden aber nützte die Welt des bürgerlichen Erfolges das Dasein der Juden und der Judenfrage! Ihr konnte es nur recht sein, daß die Gegner der bürgerlichen Gesellschaft die Juden einfach dieser Sündenwelt des Kapitals zugesellten. Denn eine Sündenwelt benötigt eines Sündenbocks. Alle Widrigkeiten der bürgerlichen Kolonisations- und Erdversklavungswirtschaft, auch die an den Juden selber verübten, wurden somit aus der Geschichte oder aus dem Wesen der Juden „erklärt“.

War es denn nicht ein wahres Kinderspiel, das Vorhandensein des vielgeschmähten „Kapitalismus“ mit Natur und Wesen der Juden in Verbindung zu bringen?

Selbstliebe und Selbstsegnung . . . worauf sonst käme das meiste Menschenleben hinaus? „Theologie“, sagt Goethe, „ist die eigenbezügliche Selbstvergottung des Menschen“. — Eine neue Theologie erstand, für welche (völlig im Gegensatz zur Theologie des Mittelalters) das Christentum (und mithin auch die Sünden des Christentums) zum — Werke der Juden wurde. Paulus trug Schuld! Das „Christentum Christi“, das sogenannte Urchristentum, das war unjüdisch gewesen, das war (auf irgend einem mystischen Wege) aus der Seele arischer Völker entstiegen. Aber dann war Paulus, der Hebräer, gekommen. Und so war die Vernüchterung und Entseelung der Erde im Gefolge der christlichen „Kultur“ eben nicht wirkliches Christentum, sondern: „verjudetes“.
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Aber es muss gesagt sein, — so bitter diese Erkenntnis ist — daß just der Rückschlag das jüdische Volk errettet hat. Die Assimilation wäre in Westeuropa glatt weitergegangen. Sie wäre nach einigen Geschlechtern voraussichtlich vollendet worden, wenn nicht die Gegenwelle des Hasses gekommen wäre.

Der an allen Tischen Europas mittafelnde „Fortschrittsjude“ stand plötzlich vor einer dicken Mauer von Hass. Dieser Hass aber brachte ihn zur Selbstbesinnung. Der Zionismus erstand: der Keim einer Volkserneuerung. Denn wenn bei den frühesten Führern, bei Pinsker und Nordau und selbst noch bei dem herrlichen Theodor Herzl, der Zionismus zunächst nur eine nüchterne Gegenwehr war — aus Trotz, aus Stolz, aus Helferwillen, aus Mitleid oder ganz gleich aus welchen reaktiven Gefühlen — , so konnte es doch bei einem solchen negativen Zionismus nicht lange sein Bewenden haben. Schon die nächste Generation war zionistisch, weil sie jüdisch fühlte; nicht, weil sie sich als Juden verletzt fühlte.

Die Macht ist träge. Das Kapital ist feige. Die Sattgewordenen werden lau.

Wo die Vereine der europäischen Bürger mosaischer Konfession auf dem bequemen Wege der Mitte verharrten, wo Liberalismus, Demokratie, Fortschritt und Freisinn ihre nicht eben den Kopf kostenden Spiele trieben, da sammelte sich die ganze Hochansehnlichkeit der jüdischen Bürgerwelt, der ganze „Kowed“. Da waren die großen Namen und die großen Titel. Die führenden Persönlichkeiten der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft.

Uns Abseitigen aber, die wir es für unvergleichlich heldischer halten, ein ungesicherter Nomade zu sein als ein wurzelfester Bürger Europas, uns sei an diesem zweihundertsten Geburtstage des Mannes, seit dem hebräische Sprache und Schrift, Ritus, Tracht, Volksbrauch, Fest und Mythos der Zerstörung anheimzufallen begannen, einmal eine kurze Phantasie gestattet, welche aber doch immerhin im Bereiche des Möglichen zu bleiben scheint, wenn wir auf das Schicksal eines andern, von der „christlichen Kultur“ nicht minder bedrohten Volkes blicken, des indischen: auf jene „Non-Cooperation-Bewegung“, die seit 1900 in dem von England vergewaltigten Indien entfesselt wurde.

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Wir Menschen müssen alle, um überhaupt leben zu können, manche „Schuld“ auf uns nehmen. Wir müssen zum Beispiel eine wundervolle, in sich vollendete, ursprünglich uns überlegene Tierwelt ausrotten. Wenn wir die großen Raubtiere, Löwen und Leoparden, vernichten, so gehen wir dabei sehr böse vor; wir sagen daher: das Raubtier sei böse. Wenn wir die großen Schlangen ausrotten, so verwenden wir dazu viel Hinterlist; wir sagen daher: die Schlangen seien hinterlistig.

Habe ich jemals gegen einen andern schlechte Gedanken gehegt, dann muss ich diese schlechten Gedanken eben aus der Schlechtigkeit des andern vor mir selber begründen.

Wer einmal gesprochen hat: „Gott strafe England“ oder: „Deutschland muss gedemütigt werden“, der hegt von nun an unbewusst eine Parteinahme daran, alles aufzusammeln und hoch zu bewerten, was nur irgend zweckdienlich ist, sein ungünstiges Vorurteil zu rechtfertigen. Schließlich könnte es sogar sein, daß wir ein Böses gar nicht darum hassen, weil es böse ist, sondern: das, was wir hassen und hassen müssen, nennen wir: das Böse.

Dieser Vorgang der „Verhässlichung des Verhassten“ wird noch gesteigert, wenn ein geheimes Gefühl der Sympathie übertäubt und tot gemacht werden muss. Man sieht das in solchen Fällen, wo eine Liebe oder Freundschaft in Hass und Verfolgung übergeht.
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