Als die 90jährige Rosa Masur mit ihrem 67jährigen Sohn und Schwiegertochter aus der gerade zerfallenen Sowjetunion als Kontingentflüchtling zu ihrem Enkel in eine süddeutsche Kleinstadt zieht, sind die Erwartungen hoch. Wohlstand, Freiheit, Rechtssicherheit und Kontakte zum ehemaligen Feind und jetzigen Freund sind die Versprechungen der neuen Heimat Deutschland. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus: Bei einem Stadtausflug wird die alte Dame mit Fremdenfeindlichkeit gegenüber einem afrikanischen Studenten konfrontiert.

Der Wohlstand besteht in einer winzigen Wohnung für drei Personen, das Grundsicherungsgeld reicht kaum für den Lebensunterhalt und die Kontakte zu Deutschen beschränken sich wegen der mangelnden Sprachkenntnisse auf unpersönliche Redewendungen. Auch der Enkel, dessentwegen sie auch alle gekommen sind, hat kaum Zeit, denn seine neue deutsche Arbeitsstelle und seine Familie fordern ihn ganz. Da ist es kein Wunder, dass die alte Dame noch einmal über ihr ganzes Leben in Russland nachdenkt. Um ihrem immer kränkelnden Sohn die ersehnte Fahrt nach Südfrankreich ermöglichen zu können, beteiligt sich Rosa an einem Schreibwettbewerb zum Thema der Emigration, den die kleine Stadt zu einem Stadtjubiläum veranstaltet. Durch ihr ganzes Leben ziehen sich die Erfahrungen von Benachteiligung und Verfolgung als Juden. Aus ihrem kleinen Dorf flüchtet sie schon als junge Frau vor den Pogromen der Kosaken. In der Kriegszeit kümmert sie sich um die Evakuierung von Kindern aus dem von den deutschen Truppen eingekesselten Leningrad und erntet auch dafür nur Undank. Als ihr hochbegabter Sohn aufgrund von Quoten für Juden auf keiner Hochschule aufgenommen wird, kämpft sie um seine seelische Gesundheit. Aber trotz aller Schwierigkeiten verliert sie nie den Lebensmut, stets von ihrer liebsten Freundin unterstützt.

In einer lebendigen und realistischen Darstellung versteht es der Autor Vladimir Vertlib, ein langes Leben in die dramatische Geschichte Russlands einzufügen. Kein Geschichtsbuch kann die Ereignisse des 20. Jahrhunderts so spannend und bewegend in ihren Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerung darstellen. Dennoch bleiben Liebe, Freundschaft und Vertrauen in jedem Leben das Fundament für eine gute Zukunft.

Vladimir Vertlib wurde in St. Petersburg geboren und hat sich nach verschiedenen Zwischenstationen in den USA und Israel in Österreich/Salzburg niedergelassen. Er schreibt seine Romane und Erzählungen in deutscher Sprache. Seine Hauptthemen sind Emigration, jüdische Identität, Selbstbewusstsein und die dafür notwendige Aufarbeitung der Geschichte Seine Sprache ist lebendig, realistisch und hat die Qualität der großen Erzähler des 19. und 20. Jahrhunderts. Weitere Titel sind: „Zwischenstationen“ und „Mein erster Mörder“.
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Buchcover von "Eine Geschichte des Traktors auf Ukrainisch"

Als der 84jährige Vater, der vor 5O Jahren aus der Ukraine nach Großbritannien emigriert war, seinen beiden zerstrittenen Töchtern mitteilt, daß er die 34jährige Walentina aus der Ukraine heiraten werde, sind sie schockiert. Deshalb beginnen sie einen Kampf um das Erbe des Vaters, aber auch um seine Befreiung aus einer lächerlichen und peinlichen Lage. Aber der eigensinnige alte Mann, der einst ein genialer Konstrukteur von Traktoren war, erlebt gerade seinen zweiten Frühling.

Diese Geschichte hat ein überraschendes, tragikomisches Ende. Die Autorin erzählt mit solchem Humor und lebendigen Dialogen, daß die Lektüre zum Vergnügen wird. Liebe, Alter, Egoismus, Schuldgefühle und gegenseitiges Verständnis sind die Themen dieses Buches.

Marina Lewycka stammt aus einer ukrainischen Familie und wurde nach Kriegsende in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren. Sie emigrierte mit ihren Eltern nach Großbritannien. Gegenwärtig unterrichtet sie an einer Universität das Fach „Medienwissenschaft“. Ihr erstes Buch wurde ein Bestseller und in 33 Sprachen übersetzt.

K.C.

für die Liberale Jüdische Gemeinde „Perusch“

Diesen Roman über den Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie schrieb THOMAS MANN (1875-1955) um die Jahrhundertwende. Als er seinem Verleger SAMUEL FISCHER im Jahre 1900 das über 1000 Seiten dicke Manuskript schickte, war Fischer erschrocken. Er fürchtete, ein so umfangreiches Buch von einem damals unbekannten Autor würde sich nicht verkaufen lassen. Deshalb verlangte er eine Kurzfassung des Textes. Das lehnte der Autor natürlich ab und so kam es erst 1901 zu einer zweibändigen vollständigen Ausgabe. Das Buch gehört bis heute zu einem der meistgelesenen klassischen Romane.

Trotz vieler Figuren ist die Handlung klar gegliedert und deshalb nicht schwer zu verstehen:

Wir befinden uns im 19.Jahrhundert in der alten Hansestadt LÜBECK. Die Familie Buddenbrook ist hier durch Getreide-Handel reich geworden. Auch im politischen Leben, im Amt eines Senators, hat das Oberhaupt der Familie großen Einfluss und kann im Interesse der Kaufleute arbeiten. Der soziale Status ist für die Kinder des alten Konsulpaares Buddenbrook immer wichtiger als das persönliche Glück.

Die Söhne Thomas und Christian sollen ebenfalls erfolgreiche, disziplinierte Kaufleute werden. Tochter Tony muss einen Kaufmann aus ihrer Gesellschaftsschicht heiraten, damit das Vermögen der Familie vergrößert werden kann. Aber – Sie ahnen es schon –die Zeiten haben sich geändert! In der Politik muss sich der Senat mit den Forderungen der Arbeiter nach mehr Mitbestimmung und besserer Bezahlung auseinandersetzen. Eine Revolution erschüttert die Gesellschaft in ihrer bisher festen Ordnung. Mit der Familie und der Firma geht es bergab. Statt ihrer großen Liebe aus einfachen Verhältnissen fällt Tony auf einen Betrüger herein, der nur ihr Geld will. Der jüngere Bruder Christian kann sich der Firmen-Disziplin nicht unterwerfen und wird zur Belastung. Thomas ist der Einzige, der gegen die neue Zeit ankämpft und die Firma retten will. Sein Versuch, die alten Privilegien (Sonder-Rechte) und das Vermögen zu retten, gelingt nicht.

Diese Geschichte vom Aufstieg und Niedergang am Beispiel einer Großfamilie ist von HEINRICH BRELOER beeindruckend verfilmt worden. Breloer ist als Autor und Regisseur für seine Filme zur deutschen Geschichte mehrfach ausgezeichnet worden. Besonders sein Dokumentations-Drama „Die MANNS“ (Biografie der Familie von Thomas Mann) hat ihn bekannt gemacht.

Der Film „BUDDENBROOKS“ läuft jetzt im Kino, er wird aber auch im Laufe des Jahres im Fernsehen gezeigt werden.

K. Ch.

Max Breslauer lebt als Sohn eines erfolgreichen jüdischen Textilhändlers in Amsterdam ein bewegtes Leben zwischen Tradition und Verschwendung. Erst als er mit überhöhter Geschwindigkeit fast einen Verkehrsunfall mit einer chassidischen Familie verursacht, gerät sein Leben aus dem Gleis.

Auf der Couch seiner Psychoanalytikerin beginnt er endlich, den Konflikt mit seinem dominanten Vater, der das KZ überlebt hatte, aufzuarbeiten. Wie der rebellische Max und sein angepasster Bruder nach dem plötzlichen Tod des Vaters doch noch einen ganz eigenen Weg zu einem selbstbestimmten Leben finden, das ist voller Witz, Tempo und philosophischer Raffinesse brillant erzählt.

Autor: Leon de Winter wurde 1954 als Sohn einer orthodox jüdischen Familie in den Niederlanden geboren. Er schrieb Romane, Erzählungen, Drehbücher und Zeitschriftenartikel. Alle seine autobiografisch geprägten Figuren setzen sich existenziell mit ihrem Judentum und ihrer Sexualität auseinander. Humor und Tragik halten sich in seinen Texten die Waage. – De Winter beteiligt sich in der internationalen Presse engagiert an der Diskussion über den Islamismus und seine Auswirkungen auf Europa und den Staat Israel.

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Die Entstehung dieses Romans – vom Sommer 1914 bis zum Versiegen des Schreibens im Januar 1915 – war von besonders prägnanten Phasen in Kafkas Leben gekennzeichnet. Im Juli 1914 fand die Auflösung der Verlobung mit Felice Bauer statt. Sowohl die Verlobung als auch die Entlobung waren für Kafka mit starken Schuldgefühlen verbunden. Eine abschließende Aussprache hierzu im Berliner Hotel „Askanischer Hof“ in Anwesenheit von Freunden hatte Kafka als „Gerichtshof“ empfunden. Unmittelbar danach begann er mit der Arbeit zum Process. Der Erste Weltkrieg brach aus. Ab dem Herbst 1914 wohnte Kafka erstmals unabhängig von seinen Eltern in einem eigenen Zimmer. Seine Arbeit schritt zunächst gut voran, in zwei Monaten entstanden rund 200 Manuskriptseiten, kam aber – wie bei ihm häufig – bald zum Erliegen. Er beschäftigte sich nun u. a. mit der Erzählung „In der Strafkolonie“. Der Process entstand nicht in linearer Abfolge: Es lässt sich nachweisen, dass Kafka zuerst das Eingangs- und das Schlusskapitel niederschrieb, danach schrieb er an einzelnen Kapiteln parallel weiter. Anfang 1915 wurde der Roman dann unvollendet beiseite gelegt und nie vollendet. Kafka schrieb den Process in Hefte, die er auch für die Niederschrift anderer Texte verwendete. Diese Blätter hat er später herausgetrennt und sie nach Kapiteln und Fragmenten neu sortiert, ohne dabei eine bestimmte Reihenfolge der Teile festzulegen.

Dieses und viele andere Werke von Franz Kafka sind online verfügbar: Der Prozess, Der Gruftwächter, Die Synagoge von Thamühl