Gerade war Ahmad al-Jabari in seinem bescheidenen Kia Cerato unterwegs, um seiner Großmutter Wein und Kuchen zu bringen und jungen Müttern Stillkissen und ihren Männern Bücher über gewaltfreie Kommunikation und dann gab es plötzlich einen Judenmörder weniger:

Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert


Dieses Buch muss eigentlich nicht vorgestellt werden, trotzdem: In einem Essay in der Zeitschrift Foreign Affairs ging Huntington, der damals auch als Berater des US-Außenministeriums tätig war, der Frage nach, ob es einen Kampf der Kulturen gebe („The Clash of Civilizations?“). In diesem Artikel behandelte er die Fragen nach einem neuen Paradigma der Weltpolitik und der politischen Wissenschaft der internationalen Beziehungen und stellte hier sein Zivilisationsparadigma vor. Dieses Paradigma ging auf seine Beratertätigkeiten innerhalb der Commission on Integrated Long Term Strategy zurück, das 1987 von der US-Regierung zur Beratung in außenpolitischen Fragen einberufen wurde. Diese Kommission empfahl der US-Regierung, sich von dem alten „Hauptfeind Kommunismus“ zu lösen und den Konflikten in der so genannten Dritten Welt mehr Bedeutung beizumessen, da diese Konflikte einen kumulativ negativen Effekt auf den Zugang der Vereinigten Staaten zu kritischen Regionen besitzen und auch zukünftig besitzen werden. Die Fragestellung Huntingtons fand sehr schnell ein mediales Interesse. In seinem folgenden Buch „Kampf der Kulturen“ wurde aus der Frage eine Feststellung.

Nach Huntington kommt es nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall des sozialistischen Lagers zu neuen Linien des Kampfes zwischen den von ihm ausgemachten Kulturkreisen, einem „Kampf der Kulturen“. Dieser kann nach seiner Sicht zwei verschiedene Formen der Gewaltsamkeit annehmen. Die verbreitetsten Kriege seien Bruchlinienkriege zwischen lokalen Gruppen aus unterschiedlichsten Kulturen. Die gefährlichste Form des Krieges wären Kernstaatenkriege zwischen den großen Staaten unterschiedlicher Kulturen. Die Hauptursache für beide Formen des Konflikts und damit für die politische Instabilität im nächsten Vierteljahrhundert seien das Wiedererstarken des Islams und der Aufstieg Chinas. Die Beziehungen des Westens zu diesen so genannten „Herausforderer-Kulturen“ würden sich somit besonders schwierig gestalten.

Huntington äußerte sich in späteren Jahren wesentlich zurückhaltender zu seinen Thesen. Eindringlich warnte er vor dem Krieg gegen den Irak. Den Fundamentalismus bewertete er schließlich nicht mehr als eine Erscheinung des Mittelalters, sondern stimmte den aktuellen Forschungen zu, dass der Fundamentalismus ein modernes Phänomen sei, welches erst mit dem Kolonialismus entstand. Trotz dieser veränderten Haltung wurden seine Thesen mittlerweile medialer und politischer Common sense. Mitte der 1990er Jahre ist Huntingtons Ansatz noch vehement bestritten worden, inzwischen scheinen sich seine Thesen zumindest in der Sphäre der medialen Wahrnehmung vielleicht nicht argumentativ, wohl aber faktisch durchgesetzt zu haben.

Die These von einem „Kampf der Kulturen“ erhielt besonders in jüngerer Zeit publizistische Rückendeckung durch die sog. „neuen Atheisten“ wie Sam Harris und Christopher Hitchens, die – oft unter expliziter Bezugnahme auf Samuel Huntington – die gegenwärtigen Konflikte nach dem 11. September primär auf religiöse bzw. kulturelle Gegensätze zurückführten. Andere Faktoren, bes. sozioökonomische und politische (wie etwa der Nahostkonflikt), wurden von ihnen dagegen vehement bestritten oder als unbedeutend eingestuft, wie etwa von Christopher Hitchens in seiner Auseinandersetzung mit Noam Chomsky (der die Gegenposition vertrat). Als Konsequenz wurde von den „neuen Atheisten“ daher eine „Überwindung“ der Religion (insbesondere von Islam und Christentum) gefordert, da sie die alleinige bzw. Hauptursache des Konflikts sei. Viele von ihnen befürworteten ausdrücklich eine harte Linie im Krieg gegen den Terror, wie etwa Hitchens, der den Irakkrieg unterstützte, und Sam Harris, der sich in einem seiner Bücher für die Anwendung von Folter gegen Terrorverdächtige aussprach.