Artuf brennt. Ataroth brennt. Moza brennt. Arabische Banden steckten die Jerusalemer Villenvorstadt Talpioth in Brand und verwüsteten das Haus des Dichters Agnon. Die berühmte Jeschiwa in Hebron, die Talmudschule aus dem litauischen Slobodka, wurde überfallen. Waffenlose junge Schüler, vom Sohn des Rabbi geführt, flüchteten in den Betraum, wo sie, einer wie der andere, während sie das Sterbegebet sprachen, erschlagen wurden. Und alles geschah unter den Augen der Mandatsmacht. —

Was erwartet die Welt, dass wir Juden tun?

Dreißig Jahre lang und länger, seit der Bilu-Bewegung von 1882, hat unser edler Kern an der Lösung dieser Völkerfrage gearbeitet. Müde der immer neuen Ausbrüche von Massenwahn, welchen kein Adel der Tat, der Zucht oder des Herzens je zu versöhnen vermochte, müde eines ewigen „Entweder — Oder“ (Entweder: du gibst dich selber auf — Oder: du trollst dich aus dem Lande), müde der jahrhundertelangen Maßregelung, Verschiebung, Reglementierung — aus Willkür oder aus Gnade — , müde all der Unsicherheit und Ungewissheit, hat das älteste unter den Erdenvölkern versucht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Man sagte: „Ihr seid Schmarotzer auf fremdem Eigen“, da haben wir uns von der Wahlheimat losgerissen. Man sagte: „Ihr seid der Zwischenhändler unter den Völkern“ Da erzogen wir unsre Kinder zu Gärtnern und Bauern. Man sagte: „Ihr entartet und werdet zu feigen Weichlingen.“ Da gingen wir in Schlachten und stellten die besten Soldaten. Man sagte: „Ihr seid überall nur geduldet“ Wir erwiderten: „Keine tiefere Sehnsucht kennen wir, als herauszukommen aus Duldung.“

Aber wenn wir uns so in unserem Eigen bewährten, dann wieder hieß es: „Habt ihr noch immer nicht gelernt, dass die zähe Selbsterhaltung des Sondervolkes ein Verrat ist am Reiche der allgemein menschlichen, der übervölkischen Werte?“ Wir antworteten, indem wir nach hundert Toden und Wunden schweigend die jüdische Legion auflösten. Wir haben der Selbstwehr uns begeben und unser gutes Recht unter den Schutz des europäischen Gewissens gestellt. Was ist die Antwort?

Am heutigen Tage, dem 6. September, scheint die Antwort so zu lauten: „Lebt oder leistet, wie immer ihr könnt, man wird euch dulden, solange man euch nutzen kann.“ „Geschäftsleute!“ wird man die Juden nennen. Aber wenn kein Geschäft mehr mit den Juden zu machen ist, dann lässt man sie fallen. Die übermächtigungssüchtigste Erdausnützergewalt, die englisch-amerikanische, wird auch das Judentum opfern für das erstbeste Kolonial- und Expansionsunternehmen. Wehe aber den Wehrlosen: „Niflad kidra al kefla, weile kidra. Niflad kefla al kidra, weile kidra. Wenkach, unwenkach, weile kidra!“ „Fällt der Topf auf den Stein, wehe dem Topf. Fällt der Stein auf den Topf, wehe dem Topf. Immer, immer, wehe dem Topf!“

Was (man antworte) soll der Jude tun? — Die Frage ist nicht zu beantworten. Und weil sie nicht zu beantworten ist, so entsteht eine Verlegenheit des Gewissens. Wie beschwichtigt der Mensch die Verlegenheiten seines Gewissens?

Nur in seltenen Fällen durch das Bekenntnis: „Ich bin schuldig.“ In weitaus den meisten Fällen aber durch den Versuch, die Schuld an dem unleidlichen Zustand in den unfreiwilligen Veranlasser des Zustands hineinzuerklären.

Die Ereignisse der menschlichen Geschichte, diese nie abreißende Kette von Machtwechselzufällen und Willkürakten, dieser Ozean von Blut, Galle und Schweiß wäre unerträglich, wenn der Mensch nicht einen Sinn in all diese blinden Geschehnisse hineinzulegen vermöchte. Es genügt ihm durchaus nicht, alles Geschehen ursächlich begründet zu finden, er will vielmehr das Geschehen sinnvoll begründet finden, und wenn er fragt: „Was ist schuld daran?“, so liegt schon in der Frage ein moralisches Urteil.

Selbst dann also, wenn die Völkerschicksale „zufällig“ wären und wenn auch alles hätte anders kommen können, so würde doch der Mensch, nachdem es einmal so gekommen ist, von nachhinein das Geschehene immer sinnvoll und sittlich zu deuten unternehmen!

Dieses Sinnvoll-Machen auch alles sinnlosen und unsinnigen Leidens kann aber — (wie wir schon andeuteten) — auf zweierlei Wegen erfolgen. Entweder indem man dem „Andern“ die Schuld zuschiebt oder indem man die Schuld in sich selber sucht.

Es ist nun eine der tiefsten und sichersten Erkenntnisse der Völkerpsychologie, dass das jüdische Volk unter allen Völkern das erste, ja vielleicht das einzige Volk war, welches die Schuld am Weltgeschehen einzig in sich selber gesucht hat.

Auf die Frage: „Warum liebt man uns nicht?“ antwortete seit alters die jüdische Lehre: „Weil wir schuldig sind“ Es hat große jüdische Denker gegeben, die in dieser Formel: „Weil wir schuldig sind“ und in dem Erlebnis der Kollektiv-Verschuldung und Kollektiv-Verantwortung des Volkes Israel den innersten Kern der jüdischen Lehre erblickten.

Wir dürfen an dieser Stelle auf die Bedeutung der religiösen Kollektivschuld („Widduj“) nicht näher eingehen, aber es ist wichtig, dass der Leser spüre, wie in diesem Schuldbekenntnis, das die gewaltige jüdischchristliche Moral hervortrieb, auch der Schlüssel zur Pathologik unserer Volksseele zu finden ist).

In jedem jüdischen Menschen steckt sehr tief die Neigung: ein Unglück, das ihn trifft, als Sühne für eine Versündigung aufzufassen. Würde der Leser fragen, warum das so sei, so könnte ich an dieser Stelle nur hinweisen auf die schreckliche Tatsache, dass die jüdische Geschichte durch fast dreitausend Jahre nur eine Leidensgeschichte gewesen ist. Und zwar eine Geschichte hoffnungsloser, unablösbarer Leiden.

Ein solcher Leidenszustand aber verstattet, um sinnvoll und erträglich zu werden, nur einen einzigen Notausgang: der Mensch muss glauben, dass das Schicksal mit ihm eine besondere Absicht habe. „Wen Gott liebt, den züchtigt er.“ Mit dieser Auffassung seiner Leiden als einer Strafe ist dann freilich schon der Ansatz zu dem Phänomen „Selbsthass“ gegeben. —

Anders aber liegt es bei den glücklichen und siegreichen Völkern. Sie hatten keinen Anlass, selbstanbohrend und selbstquälerisch das gesunde Lebensgefühl und die natürliche Selbstschätzung zu gefährden. Auf die Frage: „Warum trifft uns Unglück?“ antworten sie mit kräftiger Anklage derer, die ihrer Meinung nach „Unglück bringen“.

Die Lage des jüdischen Menschen war somit doppelt gefährdet. Einmal, weil er selber auf die Frage: „Warum liebt man uns nicht?“ antwortet: „Weil wir schuldig sind.“ Sodann aber, weil die anderen Völker auf die Frage: „Warum ist der Jude unbeliebt?“ nun gleichfalls antworten konnten: „Er sagt es selber. — Er ist schuldig.“

Hinter der als Antisemitismus bezeichneten soziologischen Erscheinung (wodurch eine ganze Volksart als „odium generis humani“ gekennzeichnet wurde) steht also durchaus nicht allein der böse Wille, der nationale Egotismus, oder der Neid und Hass des völkischen Wettbewerbs. Es steht ein Gesetz dahinter. Ein Gesetz der „Sinngebung des Sinnlosen“. Und dieses Geschichtsgesetz steigt aus einer letzten Tiefe.

Es ist das selbe Gesetz, welches auch viele Einzelschicksale verzwistet und zu mancherlei Feindschaft führt. Denn wie oft doch pflegen Geschwister, Liebende und Freunde sich auf immer zu entfremden, einfach darum, weil keiner je in sich selber hinabsteigen und sein Verschulden bekennen will, sondern jeder den nächstliegenden und natürlicheren Weg geht: „Dort, wo ich leidbringend in ein fremdes Leben einschneiden muss, da begründe ich meine Tat aus dem Wesen der andern.“ — Wenige Beispiele werden genügen, um die große Bedeutung dieses einfachen Tatbestandes zu belichten.

Theodor Lessing, Der jüdische Selbsthass – 1930