von Ulrich J. Becker, Aro1

Im letzten Gaza-Krieg erlebte ich, wie kurz nach der ersten Sirene in Jerusalem das arabische Dorf nebenan begann Feuerwerkskörper in die Luft zu schießen, gleich neben einer Moschee. Aber vielleicht war das ja nur ein Einzelfall oder Zufall? Diesmal haben wir schon drei Sirenen gehabt und die Berichte häufen sich, wo Araber selbst dann, wenn sie unter genau der gleichen Gefahr wie ihre jüdischen Nachbarn stehen von der Rakete getroffen zu werden, fröhlich über den Beschuss jubeln. Was ist hier los?

In einem Ramy Levy Supermarkt in Jerusalem wurde von jüdischen Kunden berichtet, dass sie eigenartiger Weise feststellen mussten, dass während einer Sirene, die vor sich nährenden Raketen warnte, die jüdischen Kunden, Kassierer etc. um Deckung rannten, während die arabischen Arbeiter, von denen es bei Ramy Levy viele gibt, mit einem großen Lächeln auf dem Gesicht ganz ruhig auf ihren Plätzen blieben und danach in begeisterte Freundenrufe ausbrachen – bis sie dann wieder ganz lieb und höflich zu ihrer Arbeit zurückgingen. Mein Nachbar war zur Zeit einer Sirene kurz vor der Klagemauer. Er erzählte mir, wie während der Sirene – wo Juden und auch alle anderen Nationalitäten natürlich nach den Schutzräumen suchten -, während Araber unter begeisterten ‘Allahu Akbar’ rufen ins Freie liefen, mit erhobenen Armen und den Kopf gen Himmel.
Was ist hier los? Sind sie verrückt?

Nein, sind sie nicht. Jedenfalls nicht richtig. Sie hassen uns nur mehr, als sie Angst haben zu sterben? Ist es ihrer Kultur, wo der Fatalismus viel präsenter ist – sprich, ob man stirbt oder nicht, kommt ‘min Allah’ – von Allah, und fertig. Persönliche Sicherheitsvorkehrungen sind da eher überflüssig.

Was sich aber vor allem auch zeigt, ist, dass sie wirklich davon überzeugt sind, dass die Raketen für Juden bestimmt sind und Juden treffen, und keine Araber. Die Hamas hatte über ihre Propaganda-Kanäle auch genau dies verbreitet. Rationalität und Judenhass haben nichts gemein. Ich erinnere immer wieder daran, dass Hitler und sein Regime bereitwillig wichtige Zugfahrten der Wehrmacht abnahmen um damit lieber Juden in den Massenmord zu schicken. Judenhass hat mit Rationalität nichts gemein. Es wurden übrigens überproportional Araber von den Raketen aus Gaza und dem Libanon getötet und verletzt, teilweise ganz klar, weil sie – im Gegensatz zu ihren jüdischen Nachbarn – nicht in Deckung gehen.

Und dann war da der israelische Reporter, der Leute aus Gaza interviewte, die ausländische Pässe hatten und auf Bitten der jeweiligen Botschaften von Israel am Erez Grenzübergang zu Gaza durchgelassen wurden und dann in extra Bussen weiter fuhren. Ein älterer Herr sagte ihm, dass man doch im Krieg vermuten sollte, dass Leute traurig sind, verängstigt etc., oder nicht? Aber die Leute in Gaza würden sich momentan vor allem sehr doll freuen. Über den Krieg freuen. Der Reporter war etwas verwirrt – denn sowie in der Welt, als auch in Israel, wird vor allem berichtet, dass es für die Menschen dort furchtbar sei und sie nichts lieber hätten als ein Ende des Kriegs.

Nein, sagte der ältere Herr, sie freuen sich. Jemand wurde sein Haus zerstört und er freut sich, will den Krieg. Einige Deutsche, die sich dieser Tage hier aufhalten, war es auch vollkommen unvorstellbar, warum die Hamas die Waffenruhe nicht annahm, sondern frech ausschlug und weiter schoss. Sie wussten absolut nicht, was sie damit anfangen sollten, denn auch sie hatten doch gelernt, dass die armen ‘Palästinenser’ nur Ruhe wollen von den Israelis und man vor allem Israel zügeln müsse. Was ist hier los? Wollen die Araber in Gaza sterben?

Ja, da ist etwas, was vor allem Juden und Westler nicht verstehen können, denn sie denken zu großen Teilen rational, das menschliche Leben und seine Vorzüge hoch achtend. Es ist sehr schwer, Israelis zu erklären, wie ihre Feinde denken, weil sie im Normalfall nicht so denken können. Sie wissen nicht, was antisemitische Begeisterung ist. Es ist ein Gefühl, was den Antisemiten durch und durch erfüllt, ähnlich wie vielleicht ein Herointrip. In dem Moment, wo sie aktiv Juden angreifen, sie verletzten, ihnen Schaden zufügen oder sie töten, in dem Moment, wo sie Juden zittern sehen, in Angst, da fühlen sie sich befreit von allem auf dieser Welt, ein erhebender, extatischer Augenblick, für den sie bereit sind fast alles zu geben, denn ihr Selbsthass und ihr armseliges Selbstbild zerfrisst sie ansonsten von innen.

Diese Menschen rennen auf die Straße unter Raketenbeschuss, von dem sie wissen, dass er eigentlich den Juden gilt, und jubeln mit weit offenen Armen gen Himmel. Und selbst wenn der arabische, junge Arbeiter in Ramy Levy von einer Hamas-Rakete an seiner Käsetheke zerfetzt worden wäre, wäre es doch immer noch eine Freude für ihn, denn schließlich fiel die Rakete doch in einem jüdischen Supermarkt. Und gerade die Hamas: Sie ist eine kämpferische, antisemitische Organisation. Sie lebt vom Krieg mit uns. Sie will sich nicht wirklich um das Postwesen und die Kloaken in Gaza kümmern. Wenn sie uns nicht ständig angreift verliert sie an Bedeutung und Erfüllung. Und gerade jetzt sind sie voller Elan für den Krieg. Die Nazis waren genauso. Nur eine vollständige Niederlage und Besatzung beendeten ihren mörderischen Spuk.

Schai Stern, ein israelischer Harald Schmidt, der auch gerne provokante Straßen-Interviews mit einem sehr ironischem und verzwickten Humor führt, ging gestern in die Altstadt von Jerusalem, um mit Arabern über die Situation zu scherzen (den Tag davor macht er sich über religiöse Juden lustig) – hier das Video – und neben lustigen Sachen, die mich tränen lachen ließen, wie z. B., als ein Araber ihm erklärt, dass die Gewehrschüsse nebenan eine arabische Schulabschlussfeier seien, war da noch ein sehr ernster und bedenklicher Punkt, den selbst viele Israelis nicht verstehen oder ihn verdrängen:

Nicht nur, dass alle Araber dort, mit denen er sprach und mit denen wir tagtäglich zusammen leben, nicht fähig waren, ein Wort der Kritik über die grausamen Kriegsverbrecher der Hamas zu verlieren und Israel für alles beschuldigten und erklärten, dass es ihr Land sei und wir hier nichts verloren hätten, nein, einer der Befragten sagte auch ganz klar, dass er die Waffenruhe nicht mag. Die Hamas solle Israel [inklusive natürlich Jerusalem von wo aus er dieses Interview gab] weiter beschießen “bis zum Ende“.

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