Ganz zufällig stieß ich heute auf die Ausstellung „Zug der Erinnerung“, ein Projekt, das bereits im Vorfeld für Zündstoff gesorgt hat. Ausgestellt wird ein Museumszug, der das Leben verschleppter, meist jüdischer, Kinder, im Nazi-Deutschland aufzeigen soll. Ein lobenswertes Projekt, wie man meinen sollte. Eine der ersten Stationen des Zuges war Duisburg.

Ich schlenderte über den Bahnhof und wurde von 2 Männern, etwa in meinem Alter geschnitten, der eine hatte eine lustig aussehende Zugführermütze auf den Kopf, der andere eine Arbeiterhose. Die beiden waren gut gelaunt und schleppten einen Kasten Bier zum Bahnsteig hoch. Einige Meter später bemerkte ich die Plakate für die Ausstellung, sie verwiesen auf Gleis 2. Ich drehe mich um, schaute nach oben und bemerkte, dass ich gerade am zweiten Gleis vorbei gegangen war. Ich steige nach oben und sehe den Zug, 3 oder 4 Wagons, aus dem Schornstein der Lokomotive zieht ein sanftes Wölkchen gen Himmel. Vor dem Zug herrscht ausgelassene Stimmung, Menschen unterhalten sich laut. Die beiden Männer, die soeben den Bierkasten nach oben getragen haben, verschwinden im Zug.

Es ist 19:40, die Ausstellung ist zu ende, so steht es zumindest auf dem Plakat, doch ich höre Stimmen aus dem hinteren Zugteil. Die Tür steht offen, vor mir klettert ein Paar mittleren Alters in das Abtei. Ich folge ihnen und betrete den Zug.

Gemeinsam gehen wir zum anderen Ende. Die Enge im Zuginneren ist beängstigend. An den Wänden sind Kinderfotos angebracht, Auszüge aus den Leben der Kinder, Bücher liegen verstreut an den Theken. An den Wänden sind Kindernamen angebracht, aber auch die Verbrecher des Nazi-Regimes werden angesprochen. Auch hier, herrscht ausgelassene Stimmung. Das Pärchen fängt an sich laut über die Ausstellung zu unterhalten. Der Mann baut sich vor einer Karte auf, auf der Ziele der Todeszüge eingezeichnet sind und rezitiert laut, mit freudiger Stimme: Bergen-Belsen, Vilnius… Seine Hände sind lässig in die Hosentaschen gesteckt, seine Jacke aufgeknöpft. Er schaut sich um und stolziert weiter in Richtung Ausgang. Ich versuche die Tafeln zu lesen, muss aber unweigerlich die beiden hören. An den beiden vorbei, versuche ich Richtung Ausgang zu entkommen. Dabei sehe ich seine Frau, auch sie scheint überaus fröhlich zu sein, entdeckt einen Kinderwagen und ruft „So einen Kinderwagen, hatten wir auch!“.

Im letzten Wagon sind bunte Zettel mit Aussagen einiger Schüler angebracht, ein 14 jähriges Mädchen mahnt den Besucher, man solle sich immer seine eigene Meinung bilden und sich nicht blenden lassen. Auf ihrem Foto, bemerke ich einen Kufiya. Unweit steht ein arabisch aussehender junger Mann und schaut sich Fotos von Deportationen und der Ankunft von Kindern in einem Lager an. Sein Blick ist starr. Einige Sekunden später zückt er ein Mobiltelefon, hält es auf eines der Bilder und schießt ein Foto.

Ich will nur noch raus hier. Auf dem Bahnsteig bemerke ich, den wohl einzigen Begleiter der Aktion. Er sieht erschöpft und müde aus.

Ein solches Publikum haben die deportierten Kinder nicht verdient.

Homepage: Zug der Erinnerung